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Was ist eine Kirchenfahne?
Eine Kirchenfahne bezeichnet eine bei zeremoniellen Anlässen der katholischen Kirche benutzte Fahne besonderer Machart: Sie wird an einer Querstange an mehreren Ringen oder Stoffschlaufen aufgehängt und hängt von dieser senkrecht herunter. Unten ist sie mehrfach (meist zweimal) eingeschnitten, so daß drei Lätze (besserer Ausdruck: Hängel, auch: Lappen) entstehen, die unten mit Fransen besetzt sein können. In der Regel ist der mittlere Hängel länger als die beiden seitlichen gleicher Breite. Eine solche Kirchenfahne wird auch Gonfalon genannt. Gonfalon mit „L“ im Unterschied zum Gonfanon mit „N“, welches ein von berittenen Kriegern an einer Lanze befestigtes schmales Tuch bezeichnet, dessen Längsachse senkrecht zur Fahnenstange steht, eine Frühform der Fahne. Das Gonfanon ist ein typischer Kampfwimpel in Schlacht und Turnier und auch Träger heraldischer Motive der Besitzer, im Gegensatz zum zeremoniellen Gonfalon. Beide Begriffe werden aber in der Literatur leider nicht immer sauber unterschieden. Vom Gonfalon leitet sich auch der Titel eines Gonfaloniere delle Chiesa ab, eine vom Papst verliehene Würde der katholischen Kirche, zu deutsch Bannerträger der Kirche. Nicht jede Vortragefahne oder Prozessionsfahne (vexillum, an einem Querholz getragene, hängende Fahne) ist auch ein Gonfalon, erst die typisch eingeschnittene Form macht es dazu. Das Vorkommen einer Kirchenfahne in Wappen symbolisierte häufig die Würde eines Fahnenträgers oder die einer Schutzherrschaft über wichtige Kirchen. Eine weitere mögliche Begründung für dieses Symbol ist ein Lehensverhältnis zu einer Kirchvogtei. Die Abbildung einer Kirchenfahne in der Heraldik zeigt typischerweise ein unten zweimal vertikal eingeschnittenes Tuch zu drei Hängeln, oben mit den charakteristischen Ringen, aber - soweit nicht abweichend angegeben - ohne das Querholz zur Aufhängung.


Wappen der Grafen von Montfort
Als Linie der stammesverwandten Pfalzgrafen von Tübingen behielten die Grafen von Montfort das Wappenbild bei, änderten aber die Farben. Das Wappen der Grafen von Montfort zeigt in Silber eine rote Kirchenfahne mit drei Hängeln und oben drei Trageringen, die sowohl rot als auch golden vorkommen. Die Grafen von Montfort-Tettnang führten nach der Züricher Wappenrolle als Helmzier einen infulartigen roten Beutelstand, die beiden Zipfel mit einer silbernen Kugel besteckt. Daraus wird später eine rote (silberne) Inful mit silbernern (roten) Verzierungen (Bordierungen), vgl. Siebmachers Wappenbücher. Im Scheiblerschen Wappenbuch ist die Helmzier ein wachsender, rot gekleideter Mannesrumpf, auf dem Haupt eine rote Inful mit zwei silbernen Kugeln an den beiden Spitzen und abflatternden roten Bändern, ähnlich ist in den Siebmacherschen Wappenbüchern ebenfalls ein wachsender Bischof mit rot-silberner Inful und einem Gewand, welches wie der Schild bez. ist, verzeichnet, ein hübsches Beispiel für die Entwicklung der Helmzier zu komplexeren Formen und ihre Umdeutung. Helmdecken rot-silbern. Referenzen: Siebmacher, Band NÖ1, S. 303, T. 161, Band NÖ2, S. 542, T. 267, Band Salz, S. 42, T. 17, Band WüA, S. 20, T. 19, Band WüA, S. 250.

Die Züricher Wappenrolle kennt noch Montfort-Kur (Chur): In Gold eine rote Kirchenfahne mit drei Lätzen. Als Helmzier ein infulartiger roten Beutelstand, die beiden Zipfel mit einer silbernen Kugel besteckt (identisch mit der Zier der Montfort-Tettnang).
Weiterhin listet die Züricher Wappenrolle die Montfort-Veldkirch / Montfort-Feldkirch: In Gold eine rote Kirchenfahne mit drei Lätzen. Als Helmzier ein mit Pfauenfedern eingefaßtes Schirmbrett, welches das Schildbild wiederholt. Korrekter wäre für Feldkirch eine rote Kirchenfahne in Gold, denn das war das wirkliche Wappen der Montfort-Feldkirch. Vgl. Siebmacher, Band St, S. 12, T. 21.
Betrachten wir das Wappen der Fürsten von Thurn und Taxis in seiner letzten, heute noch gültigen Form, so fällt uns die Komponente mit der roten Kirchenfahne in Gold ins Auge, die ihre Herkunft von Montfort-Feldkirch ableitet.
Wie kommt Montfort-Feldkirch hier hinein? Ab 1786 wurde die Familie auch endlich Territorialherr, denn sie kaufte 1785 die schwäbische gefürstete Grafschaft Friedberg-Scheer von den Reichserbtruchsessen Waldburg und wurde 1786 Landesherr. Scheer war einst alter Besitz der Grafen von Montfort, deshalb kommen nun Bregenz und Feldkirch ins Wappen. Fürst von Buchau wurden die Thurn und Taxis am 25.2.1803.

Die Erben der Grafen von Montfort: Kommunale Heraldik
Im ehemaligen Herrschaftsgebiet künden heute noch viele kommunale Wappen von der einstigen Herrschaft der Grafen von Montfort, die rote Kirchenfahne in Silber ist fast allgegenwärtig. Einige Beispiele:


Vorarlberg (österreichisches Bundesland, einst wichtiges Montfort-Herrschaftsgebiet): In Silber eine rote Kirchenfahne mit drei Lätzen. Früher war noch ein komplexeres Wappen in Gebrauch: Im Diplom vom 20.08.1864 hat das Wappen 3x 3 Felder: Bregenz, Sonnenberg, Feldkirch; Bludenz, Montfort (Herzschild), Hohenems; Dornbirn, Montafon (eingebogene Spitze), Bregenzerwald. 1918 nach Ausrufung der Republik wurde allein das alte Wappen der Grafen von Montfort, der Herzschild des bisherigen Wappens, zum Landeswappen erklärt. Die Kirchenfahne wird sehr genau definiert: „Auf dem silbernen Schild ruht das mit drei gleich breiten, schwarz befransten Lätzen versehene rote Montfortische Banner, das am oberen Rande drei rote Ringe trägt. Das obere Feld des Banners ist mit zwei, die Lätze sind mit drei schwarzen Querlinien durchzogen.“ Eine Präzision, die der Moderne angehört und der mittelalterlichen Variationsbreite nicht entspricht.

Feldkirch (Stadt im österreichischen Bundesland Vorarlberg): In Silber eine schwarze Kirchenfahne mit drei Lätzen. Die Stadt wurde von den Grafen von Montfort regiert, und Hugo von Montfort erbaute die Schattenburg über der Stadt sowie die Feldkircher Neustadt. 1375 wurde die Stadt von den Habsburgern erworben. Das Wappen der Grafen von Montfort begegnet uns hier mit anderen Farben (vgl. Werdenberg).

Neukirch (Gemeinde im Bodenseekreis): In Silber eine rote Kirchenfahne mit drei Lätzen und drei roten Trageringen über einem mit einem roten, schräglinks gelegten Abtspedum gekreuzten roten, schrägrechts gelegten Schwert, Griff nach oben. Das Gemeindegebiet gehörte früher zur Grafschaft Tettnang und war Herrschaftsgebiet der Grafen von Montfort.

Kressbronn (Ort am Bodensee), Wappen von 1935: In Silber eine rote Kirchenfahne mit drei Lätzen über zwei schwarzen Kirschbüscheln. Bis 1780 gehörte Kressbronn zur Herrschaft der Grafen von Montfort. Die Kirschen symbolisieren den Obstanbau in dem Bodenseeort.

Meckenbeuren (Gemeinde im Bodenseekreis), Wappen von 1938: Gespalten, vorne in Silber eine dreilätzige rote Kirchenfahne mit drei roten Ringen, hinten in Rot ein aufgerichteter silberner Windhund mit schwarzem Halsband. Meckenbeuren – zumindest die östliche Hälfte – gehörte von 1539 bis 1780 zur Herrschaft der Grafen von Montfort. Der Windhund stammt als Motiv aus dem Wappen der Familie Hundbiss (auch Huntpiss), welche als Besitzer der Herrschaft Brochenzell eine Rolle spielten.

Balderschwang (Gemeinde im Landkreis Oberallgäu, Bayern), Wappen von 1985: In Silber über grünem Dreiberg eine dreilätzige rote Kirchenfahne mit goldenen Fransen und drei goldenen Ringen, der eine goldene heraldische Lilie aufgelegt ist. Die Fahne nimmt Bezug auf die Grafen von Montfort, die von 1311 bis ins 16. Jh. über das Gemeindegebiet herrschten. Der Dreiberg steht für die hohe Lage des Ortes, und die Lilie als Attribut des Hl. Antonius steht für dessen Patronat über die dörfliche Pfarrkirche.

Blaichach (Gemeinde im Landkreis Oberallgäu, Bayern), Wappen von 1966: In Silber über zwei schräg gekreuzten grünen Eichenblättern eine dreilätzige rote Kirchenfahne, der nebeneinander drei schräg gestellte goldene Quadrate aufgelegt sind. Die Fahne nimmt Bezug auf die Grafen von Montfort. Die spezielle Form mit den drei Wecken nimmt Bezug auf eine Darstellung an einem Taufstein der örtlichen Kirche. Früher fiel das wohl unter künstlerische Freiheit, heute wird diesem Detail unterscheidende Bedeutung beigemessen. Das Eichenlaub steht redend für den Ortsnamen, den man als „bei den Eichen“ deutete.

Röthenbach (Gemeinde im Landkreis Oberallgäu, Bayern), Wappen von 1979: Geteilt, oben von Silber und Rot gespalten, darauf schräggekreuzt ein Schlüssel und ein Schwert in verwechselten Farben, Griffe jeweils schräg nach unten gerichtet, unten in Silber eine dreilätzige rote Kirchenfahne mit goldenen Fransen und drei ebensolchen Ringen. Das Dorf stand im Mittelalter unter der Herrschaft der Grafen von Montfort. Das Kloster Mehrerau, der wichtigste Grundbesitzer in Röthenbach, war das Hauskloster der Grafen von Montfort.

Langenargen (Gemeinde im Bodenseekreis), Wappen von 1899: In Silber eine rote Kirchenfahne mit drei Lätzen, goldenen Quasten und ebensolchen Ringen, die Fahne belegt mit einem schwarz-golden gespickelten Innenfeld. Das Wappen der Grafen von Montfort wurde mit der Innenverzierung modifiziert, wobei man sicherlich durch eine Darstellung am Flügelaltar von 1483 in der Dorfkirche inspiriert wurde.

Füramoos (Dorf, 1975 in Eberhardzell im Landkreis Biberach eingemeindet): Gespalten, vorne in Rot eine silberne Balkenwaage mit zwei Schalen, hinten in Silber eine dreilätzige rote Kirchenfahne an drei ebensolchen Ringen. Graf Rudolf von Montfort-Bregenz hat 1143 das Gut Füramoos dem Benediktinerkloster Ochsenhausen geschenkt.

Landkreis Lindau (Bodensee): Unter blau-silbern schrägrechts gewecktem Schildhaupt in Silber über einem blauem Wellenbalken vorne eine grüne Linde und hinten eine dreilätzige rote Kirchenfahne mit goldenen Fransen und drei roten Trageringen.

Weiler-Simmerberg (Gemeinde im Landkreis Lindau, Bodensee): Im Wolkenschnitt schräggeteilt von Silber und Rot; oben eine golden befranste rote Sturmfahne mit drei goldenen Ringen. Bezug auf die ehemaligen Herren, die Grafen von Montfort.

Weißensberg (Gemeinde im Landkreis Lindau, Bodensee): Gespalten, vorne in Silber eine dreilätzige rote Kirchenfahne mit goldenen Fransen, hinten in Blau ein schwebendes goldenes Doppelkreuz. Bezug auf die ehemaligen Herren, die Grafen von Montfort.

Hergensweiler (Gemeinde im Landkreis Lindau, Bodensee): In Silber eine breite, dreilätzige rote Kirchenfahne mit goldenen Fransen, darüber nebeneinander zwei grüne Lindenblätter, darunter eine rote Lilie. Bezug auf die ehemaligen Herren, die Grafen von Montfort.

Missen-Wilhams (Dorf im Landkreis Oberallgäu, Bayern), Wappen von 1964: In Gold ein schwarzer Grenzstein, diesem aufgelegt übereinander zwei Schilde; der obere silbern mit einer dreilätzigen roten Kirchenfahne, der untere rot mit einem silbernen Balken. Missen war einst Bestandteil der Herrschaft Montfort-Rothenfels, Wilhams gehörte aber einst zur Herrschaft Hohenegg (habsburgisch). Beide wurden zu einer neuen Gemeinde zusammengeschlossen.

Literatur, Links und Quellen:
Siebmachers Wappenwerk
Genealogien: Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9
Deutsche Wappenrolle, Band 1-72
Gert Oswald: Lexikon der Heraldik. Von Apfelkreuz bis Zwillingsbalken. Battenberg-Verlag, 2. Auflage 2006, ISBN: 3-86646-010-4
Siebmachers großes Wappenbuch, Sonderband B1: Wappenbilder-Ordnung, Bd. 1, Degener Verlag, ISBN 3-87947-114-2
Siebmachers großes Wappenbuch, Sonderband B2; Wappenbilder-Ordnung Bd. 2. 1991. 393 S. 7 Tafeln mit zahlr. Abb. Festeinband, Degener Verlag, ISBN 3-87947-100-2
Arnaud Bunel: www.heraldique-europeenne.org
Bayerische Gemeinden und ihre Wappen: http://www.hdbg.de/gemeinden2/bayerns-gemeinden_suche-gemeinden.php
Geschichte: Gerhard Köbler: Historisches Lexikon der deutschen Länder - die deutschen Territorien vom Mittelalter bis zur Gegenwart. C. H. Beck Verlag München 7. Auflage 2007, ISBN 978-3-406-54986-1